Das Ende des Leidens – Current 93 in der Volksbühne

Am Montag hatte ich das Glück, in der Berliner Volksbühne einer seltenen und nicht weniger beeindruckenden Musikdarbietung beizuwohnen: dem (neben einer Vorstellung am Sonntag) ersten Deutschland-Konzert der britischen Neofolk-Band Current 93 seit 15 Jahren. Eigentlich ist diese Art von Musik eher weniger mein Fall, aber gestern konnte ich mich der Begeisterung nicht entziehen. Doch der Reihe nach.

Als wir an der Volksbühne ankamen, tummelten sich schon einige Besucher auf dem Vorplatz. Zumeist waren das Vertreter der Neofolk-Fraktion der Gothic-Szene. Mir wurde da wieder bewusst, dass es vor allem die Anhänger dieser seltsamen Sub-Subkultur waren, die mir bisher den Zugang zu dieser Art von Musik vergällt haben. Schwarzer Anzug in Kampfstiefeln plus gebügeltes Hemd mit Schulterklappen, Runensticker und Krawatte? Noch dazu diese verbiesterten Gesichter, die einem klar werden lassen, dass es da eben nicht um den Spaß an der Provokation geht? Hallo? Kein Wunder, wenn Neofolk öfters im rechten Spektrum gesehen wird, oder von diesem instrumentalisiert wird (Info).

Vor der eigentlichen Show gab es zwei Soloauftritte von Musikern aus der Band. Als ersten Vorgeschmack lieferte die Pianistin Maja Elliot einen kurzen Überblick über ihr musikalisches Können. Das Klavierspiel war zweifelsohne sehr virtuos, der sphärische Gesang sehr klar, aber insgesamt war ich wenig berührt.

Das änderte sich mit Simon Finn, der mich mit seinen aggressiven Protestsongs begeistern konnte. Selten habe ich jemanden gesehen, der sich derart in Rage gespielt hat – und dann doch still und mit einem Lächeln von der Bühne geht. Vor allem sein letzter Song „Jerusalem“ stand heraus, in dem es um das revolutionäre Handeln von Jesus Christus ging, und wie er wohl in der heutigen Zeit von seinen eigenen Anhängern ans Kreuz genagelt werden würde.

Nach einer weiteren kurzen Umbaupause verdunkelte sich der Saal, ein Muster wurde auf die Leinwand projiziert, und – es wurde für endlos erscheinende Minuten eine Popocorn-Loop eingespielt. In dröhnender Lautstärke. Das kann man eigentlich nur als gezielte Provokation oder als Ausdruck eines sehr schwarzen Humors verstehen. Im Publikum gab es laute Seufzer beim Einsetzen der ersten Klänge, und auch zwischendrin gab es Pfiffe und verzweifelte Rufe nach einem Ende dieses Martyriums. Auch wenn es schlimm war, konnte mir das Absurde an der Situation doch ein Grinsen entlocken.

Doch schließlich kommt die erlösende Stille, die acht (Multi-)Instrumentalisten betreten die Bühne, und mit dem Erscheinen von David Tibet setzt begeisterter Applaus ein. Was folgt ist eine zweistündige Reise durch das Universum von Current 93, von ihren frühen Werken bis zum aktuellen Doppelalbum „Black Ships Ate the Sky“. Stücke beginnen mit einem leisen Akkordeon, und steigern sich zu einer apokalyptischen Wand, die alle Musiker mit einbezieht; schnarrende E-Gitarren legen einen hypnotischen Teppich, von dem sich Harfe und Flügel emporschwingen; kindliches Flötenspiel wechselt mit dramatischen Streichern, und zu allem die sägende Stimme von David Tibet. Auf synthetische Klänge wird dagegen völlig verzichtet, genauso wie auf jede Art von Trommel.

Eine Message für den Abend ist auch ganz klar. Nach dem vor allem von der eingangs beschriebenen schwarzen Fraktion dankbar angenommenen „Black Flowers Please“ folgt direkt die Klarstellung mit „A Gothic Lovesong“ (Lyrics). Spätestens da sollte klar sein, dass Current 93 mit dieser Szene schon lange nichts (mehr) gemein haben, was diese nur noch nicht ganz wahr haben will. Vielleicht auch deshalb Popcorn zur Einstimmung?

Doch das ist die Abschiedstournee, und schlechte Gefühle sollen an diesem Abend bei keinem in Erinnerung bleiben. So ist die Zugabe und das letzte Lied mit der kompletten Band auch deren Bekanntestes „Oh, Coal Black Smith“, was aber auch nicht als Pflichtprogramm, sondern voller Begeisterung und Spielfreude dargeboten wird. Mit diesem fulminanten Abschluss ist dann auch jeder versöhnt, wenn überhaupt jemand verärgert war, und die Musiker werden mit frenetischem Applaus von der Bühne verabschiedet. Dieser steigert sich zu minutenlangen Standing Ovations, was David Tibet und Maja Elliot noch zu einem letzten Auftritt nötigt. Er erzählt sichtlich bewegt, dass er das Gefühlt hat, die letzten 25 Jahre seinen Kopf gegen eine Wand geschlagen zu haben (und wohl auch hat), und jetzt eine andere Sicht auf die Welt hat. Er bedankt sich dafür, dass ihm die ganze Zeit in diesem „hallucinatory patripassianist dream“ gefolgt wurde. Dann spielt er sein letztes Stück „Love Moon Rising“, und verlässt gut gelaunt die Bühne.

Zurück bleibt der Eindruck einer wunderbaren, sehr emotionalen Aufführung mit hochtalentierten Musikern, und einem Mastermind, der nach vielen Kämpfen und trotz allem Elends in der Welt ein wenig Frieden gefunden zu haben scheint.

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