11. Etappe: Zamin-Uud – Erlian – Beijing

Der Nachtzug rollt kurz nach Sonnenaufgang in Zamin-Uud ein. Sofort setzt ein hektisches Gerenne Richtung Bahnhofsvorplatz ein. Mit einem Schlafbus direkt nach Beijing hoffen wir noch am selben Tag anzukommen.

Der Übertritt zwischen den beiden Grenzorten ist wahnsinnig stressig. Jeder möchte sich zuerst in die Autoschlange einreihen und möglichst schnell nach China zu gelangen. Das Gepäck müssen wir zwei mal ausladen, um es am Zoll in einen Gepäckscanner zu legen. Niemand betrachtet die Monitore. Der Fahrer treibt uns mehrfach an, wir sind trotzdem immer die letzten im Bus, den wir insgesamt vier Mal verlassen müssen. Es scheinen auch immer mal andere Leute einzusteigen, viele machen hier offenbar nur einen Visa-Run.

Ein Student auf dem Weg von seinen Eltern in Ulaanbaatar zu seiner Frau auf den Phillipinnen hat das Prozedere schon öfter durch; seine Erklärungen beruhigen uns ein wenig. Sonst scheint niemand besser englisch zu sprechen als wir mongolisch.

Wir erreichen den Busbahnhof von Erlian, augenscheinlich werden noch mehr Fahrgäste eingesammelt. Alle steigen aus, wir auch, und lassen wie zuvor Proviant und Schlafklamotten auf den Plätzen. Die großen Rucksäcke bleiben im Gepäckraum. Der Bus fährt auf einen Hof und wir erfahren, dass es erst in drei Stunden weiter geht und wir mitten in der Nacht ankommen werden.

Aber gut, so können wir dieses seltsame Städtchen ein wenig erkunden. Die Unterschiede zur mongolischen Seite fallen sofort auf. Zunächst natürlich die neue Schrift, auch wenn manches noch zweisprachig ausgeschildert ist. Die Straßen sind sehr breit und sauber, wenn auch wenig befahren. Die Gebäude haben einen seltsamen gemischten Stil, vieles wirkt wie Attrappe, die teils schon bröckelt. Eine Reihe dahinter sind alte Steinbaracken. An einer großen Kreuzung stehen sich zwei identische Glaspaläste gegenüber. Einer beherbergt eine Bank, der andere einen Händler für Batterien. Teenager wollen Selfies mit uns machen.

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In einem kleinem Laden werde ich das erste Mal verarscht. Ich stelle zwei Flaschen Wasser auf den Tresen, er zeigt mir zwei Finger seiner Hand. Ich gebe ihm einen 10-Yuan-Schein (1,40€), er gibt mir zwei Yuan zurück, grinst kurz, dreht sich weg und beginnt ein Gespräch mit dem nächsten Kunden.

Am Busbahnhof zurück heißt es weiter warten und dabei den äußerst leckeren Tofusalat aus der Markthalle genießen. Eine Frau bietet an, noch Geld zu wechseln. Der Kurs kann nur schlecht sein, aber bevor die 4000 Tugrek (2€) ein Souvenir werden, lasse ich mich darauf ein. Sie nimmt mein Geld und drückt mir wortlos 6¥ (90 cent) in die Hand, bevor sie schnell weiter läuft. Bei einem größeren Betrag wäre ich jetzt sehr verärgert.

Irgendwann werden wir auf die andere Seite des Gebäudes geführt, wo die Busse parken. Nur leider nicht der Grüne, mit dem wir über die Grenze gefahren sind. Unser großes Gepäck wurde in einen anderen Bus verladen, Proviant und Klamotten von den Plätzen jedoch nicht. Wo der andere Bus ist, können wir nicht mal als Frage formulieren. Für eine Suche bleibt keine Zeit, plötzlich muss wieder alles ganz schnell gehen.

Die Fahrt verläuft mehr oder weniger ereignislos. Wir lernen Autobahntoiletten kennen (zwei Mal 10 Löcher nebeneinander in einem Betonboden) und das übliche Verhalten beim Schnellimbiss (alle rennen zur Theke und bestellen gleichzeitig). Es erscheint erst unmöglich, doch wir schlafen doch noch in den viel zu kleinen und harten Kojen ein, die nicht mal mit der billigsten Holzklasse in den Zügen mithalten können.

Mitten in der Nacht läuft der Fahrer laut brüllend durch den Bus. Niemand scheint ihn zu beachten, alle wollen einfach nur schlafen. Er macht Motor und Licht aus. Wo sind wir überhaupt? Neben uns stehen weitere Busse, in keinem brennt Licht. Offenbar sind wir bereits in Beijing. Da nachts keine U-Bahn fährt, kann man bis zum nächsten Morgen noch im Bus schlafen.

Wir aber wollen noch in unser bereits gebuchtes Hostel und beschließen ein Taxi zu suchen. Am Ausgang des Parkplatzes warten schon die üblichen aufdringlichen Gestalten, vor denen überall gewarnt wird. Zwei Jungs aus dem Bus, auf der Suche nach einem Snack, geben uns zu verstehen, dass das kein Taxi wäre, welches man nutzen sollte. Sie zeigen uns den Weg zur nächsten größeren Straße, wo wir eines anhalten sollen, mit richtigem Taxischild auf dem Dach.

Lange müssen wir auch nicht warten. Juhu, ein richtiges Taxi! Katrin steigt mit Gepäck ein, ich verstaue meines im Kofferraum. Der Fahrer überträgt die Schriftzeichen aus dem Reiseführer in seine Navigationsapp und fährt los. Die Stadt scheint wie verlassen. Kaum Verkehr, nur wenige Fußgänger – und das Samstag Nacht um zwei? Mir fällt der nächste Verlust auf. Mein schöner Geldbeutel aus Ölgli mit geschätzt 150 Yuan (circa 20 Euro) liegt noch im Bus. Selbst wenn ich das dem Fahrer erklären könnte, mag ich jetzt nicht mehr zurück, sondern einfach nur noch ankommen.

Irgendwann halten wir vor einer dunklen Gasse in einem Viertel mit kleiner Bebauung, was sich mit unserer Wegbeschreibung deckt. Das Bett ist nicht mehr weit! Das Taxameter druckt eine Rechnung über 66 Yuan aus. Katrin überreicht einen 100er. Ich möchte schon aussteigen, als der bis dahin stille Fahrer plötzlich sehr laut und aggressiv wird. Er fuchtelt mit dem Schein herum, hält ihn gegen das Licht, reibt ihn zwischen den Fingern und deutet auf die anderen Scheine in ihrer Hand. Wir verstehen kein Wort. Vermutet er Falschgeld? Möchte er keinen großen Schein, da er ihn nicht prüfen kann? Er bekommt einen anderen 100er im Tausch, doch auch diesen mokiert er. Das wiederholt sich noch zwei Mal, er wird dabei immer lauter und fuchteliger, bis er frustriert einen von mir akzeptiert, mir ein paar zerknüllte Scheine in die Hand drückt und uns rauswirft. Ich nehme meine Sachen aus dem Kofferraum, wir schließen die Türen und er fährt noch winkend davon.

Was zum Teufel war das denn für ein Spinner? Zum Glück sind wir den los.

In der Gasse finden wir nach ein paar Metern tatsächlich unsere Unterkunft. Die Tür ist geöffnet, der Nachtdienst empfängt uns im überdachten Innenhof. Wasser plätschert, alles scheint friedlich.

Liebe Geburtstagswünscher, ihr müsst jetzt ganz stark sein.

„Oh nein, meine Tasche ist ja noch im Taxi!“ Ein Satz wie ein Pistolenschuss. Da ist viel Wichtiges drin. Handy, Reisetagebuch, USB Stick mit Unterlagen – und die Kamera, für die so viele liebe Menschen Geld und Photos gesammelt hatten. Immerhin keine Kreditkarten und auch nicht der Reisepass.

Doch da ist ja die Rechnung! Bestimmt könne man damit am nächsten Tag bei der Firma anrufen. Und da es ja ein richtiges Taxi war, würde der Fahrer die Sachen bestimmt abgeben. Noch immer geschockt fallen wir ins Bett und fallen in einen kurzen, schlechten Schlaf.

Im Hostel ist man sehr hilfsbereit. ***Es wird telefoniert, im Internet gesucht und was nicht alles. Am Ende kommt heraus, dass die Taxifirma trotz falscher Telefonnummer auf der Rechnung erreicht wird, aber nach einer Prüfung angibt, dass der Fahrer bereits um 22:00 Uhr Feierabend gemacht hatte, die Fahrt unmöglich stattgefunden haben konnte, und deshalb natürlich auch nichts gefunden wurde.

Als dann beim Bezahlen der Zimmerrechnung auch noch herauskommt, dass vier unserer 100-Yuan-Scheine schlechte Kopien sind, geben wir die Hoffnung endgültig auf. Wir wurden hart beschissen, und können noch froh sein, dass er nicht mit dem ganzen Gepäck davon gefahren ist.

Was für ein bitterer Verlust, was für ein beschissener Start.

12 Gedanken zu „11. Etappe: Zamin-Uud – Erlian – Beijing“

  1. Ach Ihr Lieben, seid erstmal dolle gedrückt und lasst Euch trotzdem die Reise nicht verderben! Gib Katrin einen dicken Knutscher, ab jetzt wird alles wieder besser laufen, das Unglück habt ihr ja erstmal abgearbeitet :-*

  2. Oh mann ey. Habe letztens auch einige meiner Lieblingsfotos eingebüßt, aber eure Pechsträhne ist wirklich übel.

    Kleiner Trost: Wenigstens der Typ mit den Wasserflaschen hat euch nicht beschissen. Chinesen zählen anders als wir mit den Fingern (1-10 an einer Hand), ausgestreckter Daumen und Zeigefinger sind dabei eine 8. 3-4 Yuan für eine große Flasche Wasser sind hier auch ein normaler Preis.

  3. ach herrje… wie ätzend. gut dass keine wichtigen dokumente oä betroffen sind, üff. ich schicke euch nen dicken drücker durch den äther. und ansonsten das, was timo sagt.
    und hej, es kann ja nur besser werden, also alles gute euch!

  4. ohhh Mann, aber shit happens, versucht es so schnell wie möglich zu vergessen und nach vorne zu schauen!
    Hoffe bald wieder erfreuliches von euch zu hören!
    Grüße
    @lf

  5. Vielen Dank für euren Zuspruch! Es hilft sehr das zu lesen. Zukünftige Texte werden auch weniger langatmig sein, aber diese Pechsträhne war einfach sehr doof.

    Bilder sind übrigens nicht viele verloren gegangen, die wurden immer mal wieder auf den Laptop kopiert und hochgeladen.

    Was die Fingerzeichen angeht bin ich jetzt nicht sicher, ob sein Zeige- und Mittelfinger nach oben oder unten zeigten. Um da weiteren Missverständnissen vorzubeugen, haben wir die heute gleich mal geübt:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Chinese_number_gestures

    Seit Samstag hatten wir auch schon ein paar sehr schöne Tage in Beijing, und werden auch eine ganze Woche bleiben. Morgen geht es aber erst mal an die Große Mauer!

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