Verkehr verkehrt in Jinja und nach Nairobi

An unserem vorletzten Tag in Uganda sehen wir uns noch ein wenig die Stadt Jinja an. Spannend sind hier diverse Gebäude mit eingelassenen Baujahren zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Man muss aber schon genau hinsehen, um da große Unterschiede zu neueren, einstöckigen Gebäuden zu sehen, schließlich wird fast jedes Haus mit einer Straßenfront für kleine Geschäfte, Apotheken, Gewerbe oder – seltener – Restaurants genutzt. Im Kontrast dazu – der Zentralmarkt, der sich in einer mehrstöckigen, schlecht beleuchteten Betonburg befindet, die von der Architektur eher an ein verwirrendes Parkhaus erinnert.

Von dort wollen wir nochmal ans Nilufer und nehmen dafür zwei Boda-Bodas. Konkret wollen wir uns das Bootspier ansehen, von dem wir nur den Punkt in Maps kennen. Wie üblich beim Anheuern von Fahrern fragen wir, ob sie den Weg kennen (yes, yes) und einigen uns auf einen Preis. Katrins Fahrer fährt vor, obwohl es eigentlich umgedreht sein sollte – und biegt an der ersten Kreuzung in die völlig entgegen gesetzte Richtung. Das lässt sich noch durch Rufen korrigieren und wir wenden. Doch an der nächsten Kreuzung das selbe Spiel – und mein Fahrer fährt einfach geradeaus weiter! Wir sind also getrennt, aber mir wird versichert der andere nimmt nur einen anderen Weg und wir fahren weiter. Da eine unserer SIMs nach der Rückkehr in Uganda nicht mehr funktioniert können wir nicht telefonieren. Also stehe ich irgendwann alleine mit einem konfusen Fahrer unweit des Piers und warte in der Mittagssonne. Keine Spur von Katrin. Ich werde echt wütend und der Fahrer versucht irgendjemanden zu erreichen. Ein Passant versucht auch zu vermitteln – möchte dann plötzlich schon mit mir zum Pier gehen und meint, der andere Fahrer kommt gleich nach und direkt da hin. Problem ist: das Pier ist eine reine Industrieanlage, wo gerade Zement von der Schiene auf Boote verladen wird und der Weg führt durch einen Acker, wo bestimmt kein Moped entlang fährt. Eigentlich will er mir nämlich eine Bootstour auf dem Nil verkaufen, da würde man das auch alles viel besser sehen. Also gehe ich zurück und mein Fahrer – der ja auch noch Geld bekommt – ist nochmal zurück zu unserem Ausgangspunkt gefahren. Ein anderer Fahrer bietet mir während dessen an, mich ein wenig hin und her zu fahren, statt hier in der Sonne zu stehen. Aber irgendwann nähert sich ein Moped auf der staubigen Straße in diesem wenig bewohnten Stadtviertel und wir sind wieder vereint. Puh! Es stellt sich heraus, der andere Fahrer hatte nicht nur keine Ahnung, sondern war auch ziemlich berauscht und hat einfach an einer Tankstelle gewartet.

Nach dem Chaos interessieren uns weder das Pier, noch eine Rundfahrt mit Boda-Boda oder Touristenboot und wir beschließen zum Park am Nilufer mit dessen designierter Quelle zu laufen. Wir machen das ja sehr gerne, dieses laufen, aber es sorgt immer wieder für Kopfschütteln. Warum läuft man als reicher Mzungu herum, wenn man sich doch überall hinfahren lassen könnte?

Der Weg verläuft zeitweise parallel zum Nil, sehen kann man ihn aber fast nicht. Die Filetgrundstücke sind an einen Yachtclub und einen Golfplatz vergeben. Auf der anderen Straßenseite befinden sich große Anwesen aus Kolonialzeiten – teils frisch renoviert und gepflegt, teils mit vernagelten Fenstern und verwildertem Garten.

Irgendwann sind wir an unserem Ziel angelangt, einem kleinen Park mit Verkaufsbuden und einer Plakette, welche die Nilquelle markiert. Das ist natürlich Quatsch, denn die Quelle ist ja der Viktoriasee und befindet sich noch ein bisschen weiter flussaufwärts. Auch hier sieht man, dass der seit 2019 steigende Seewwasserspiegel zu Problemen führt: an einer Uferbar sind einige Aufbauten überschwemmt. Wir trinken einen Gin and Tonic (was als kleine Flasche Gin und kleine Flasche Tonic serviert wird) und fahren leicht beschwipst mit Boda-Boda, diesmal zu zweit auf einem, in die Stadt zurück und singen „I’m drinking ice cold soda while riding boda-boda.“

Tags darauf besorgen wir uns Tickets für einen Nachtbus nach Nairobi. Irgendwo hatte ich eine Empfehlung für Mash-Bus gelesen, ein Ticketbüro ist bei Google eingezeichnet, also gehen wir da hin. Es hängt auch ein Werbeplakat von Mash über dem Eingang. Später stellte sich heraus, dass diese seit einer Weile ausgezogen sind und ein anderer Anbieter das Büro und das Werbematerial übernommen hat. Aber wir haben Tickets, die Mitarbeiter sind sehr freundlich und man will ja nicht zu kleinlich sein.

Nachtbuschaos

Wieder einen Abend später stehen wir also spät abends mit dem ganzen Gepäck an der Straße. Dass der Bus zu spät kommen wird, ist klar, denn den Verkehr in Kampala kennen wir ja nun bereits. Das Treiben an der Haltestelle zu beobachten ist interessant und vertreibt die Warezeit. Es halten immer wieder große Reisebusse, kleiner Sammeltaxis und natürlich Boda-Bodas. Auch in den großen Zugmaschinen ist offenbar genug Platz für fünf oder mehr Passagiere in den Fahrerkabinen. Eifrige Vermittler helfen potenziellen Fahrgästen dabei, den richtigen LKW zu finden.

Irgendwann kommt tatsächlich unser Bus und nun beginnt ein furchtbares Durcheinander. Denn der Bus ist voll, obwohl es immer reservierte Plätze zum Ticket gibt. Es wird viel herum geschrien, irgendjemand verlässt kurz den Bus, weigert sich dann aber seinen Platz frei zu machen – obwohl er offenbar im falschen Bus sitzt, der auch gar nicht zu dem Grenzübergang fährt, zu dem er hin möchte. Wir packen zweimal unsere Sachen in den Bus ein und wieder aus, sollen einsteigen, sollen aussteigen – und schließlich auf den „anderen Bus“ warten. Keiner versteht das Chaos, keiner hat Bock uns wirklich zu helfen, wir müssen sehr aufpassen, dass der Bus nicht mit unserem Gepäck entschwindet, was dieser nämlich nach über einer Stunde hitziger Diskussionen auch einfach macht.

Somit gehen wir wieder ins Ticketbüro und warten geduldig auf den nächsten Bus. Dieser soll noch einige freie Plätze haben. Währenddessen wird uns erklärt, dass an der ganzen Misere der Typ Schuld hatte, der sich weigerte, den Bus zu wechseln.

Eine weitere Stunde später, weit nach Mitternacht, wird ein weiterer Bus mit leeren Plätzen angekündigt. Der Verkehr auf der Straße dünnt sich aus, es halten keine anderen Busse mehr. Leere Plätze hat der Bus auch – aber nicht genug für uns. Auf eine weitere Nacht in Jinja haben wir überhaupt keine Lust, also glauben wir dem Versprechen, dass der andere Bus irgendwo warten würde, in den wir dann wechseln könnten, wenn der Falschfahrer ebenfalls den Bus in die für ihn richtige Richtung gewechselt hätte. So lange dürfen wir auf dem Boden im Eingangsbereich neben dem Fahrer sitzen. Immerhin wird Katrin ein Platz von einem Mitarbeiter überlassen. So eine Team besteht ja immer mindestens aus zwei bis drei Helfern nebst dem Fahrer.

Doch natürlich halten wir nicht mehr. Es werden mir immer wieder neue Erklärungen dafür gegeben – der Bus konnte nachts doch nicht warten, die anderen Passagiere hätten sich beschwert. Der Conductor hat sich bereits schlafen gelegt und reagiert gar nicht mehr. Ich werde auf einen anderen Bus am Grenzübergang vertröstet, doch das macht schon lange alles keinen Sinn mehr: mir wird die ganze Zeit dreist ins Gesicht gelogen, um mich irgendwie zu beruhigen.

Am Grenzübertritt gab es auch gleich ein Problem, weil unsere Namen natürlich nicht auf der Passagierliste stehen. Die Chefin vom Dienst bei der Immigration kennt aber offenbar ihre Pappenheimer und meint nur „it is okay“.

Es wird sich tatsächlich noch zum Schein auf die Suche nach dem nie existierenden „other bus“ begeben und mir dann mit trauriger Miene erklärt „I am surprised, there is no other bus“. Ich bin nun echt sauer, weil nun klar ist, dass mir die ganze Zeit eine dreiste Lüge nach der anderen aufgetischt wurde und ich die Nacht auf dem Boden verbringen darf. Oberhalb des heißen Motorblocks, an der Treppe zum Einstieg, quer zur Fahrtrichtung. Ich verkünde meinen Unmut laut und frage nach einer Lösung für das Ganze – die Mitarbeiter haben für sich selbst ja Matratzen! Doch die letzte Reaktion, die ich nun erhalte, ist: sie legen sich alle hin, drehen mir den Rücken zu und stellen sich schlafend. Echt unglaublich. Aber gut, passiv aggressiv schlafend stellen kann ich mich auch und ich nehme mir so viel Platz, wie es geht. Ich liege mit dem Hintern auf einem Nackenkissen um nicht vom Motor gebraten zu werden und habe mich mit Füßen und Kopf so eingeklemmt, dass ich bei den vielen Bremsmanövern nicht die Treppe herunter kullere. Mit dem Basecap im Gesicht bin ich es nun, der nicht mehr reagiert und dazu noch blöd im Weg herum liegt. Auf der weiteren Fahrt kühlt sich mein Zorn auch langsam, ich liefere den anderen aber harte „schlafende“ Fights um den Platz an den Füßen. Ausgestreckt liege jedenfalls nur ich da. Und schaffe es tatsächlich in dieser unmöglichen Position für ein paar Stunden zu schlafen.

Irgendwann nach Sonnenaufgang steigt endlich jemand aus und ich kann mich normal hinsetzen. Mein Blick muss furchterregend sein, denn es wird weiterhin tunlichst vermieden meine Existenz wahrzunehmen. Dabei bin ich einfach nur noch willenlos und schaue mir die Kenianische Landschaft an. Mir wird bewusst, dass an unserem 50. Reisetag das 50. Reiseland meiner ewigen Länderliste Kenia geworden ist.

Auffällig am Verkehr ist der gute Zustand der Straßen, die vielen modernen Autos und die regelmäßig am Straßenrand stehenden Polizisten, die mit der Kelle winken. Jedesmal bremst der Bus ab, ein Geldschein wird einer Papiertüte entnommen und am offenen Fenster übergeben, bevor es zügig weiter geht. So sieht also Korruption aus. Sind das etwa die berüchtigten Robbers of Nairobbery? Meinen Respekt hat die Bordcrew wieder erlangt, als ich sehe, dass sie braune 1000er Ugandaschilling (circa 25 cent) derart falten, dass sie den ebenfalls braunen 1000er Keniaschilling ähneln (circa 8,50€). Bis das jemand von den Strauchdieben in Uniform bemerkt, ist es auch schon zu spät. Ohnehin hat unser Bus ein Kennzeichen aus der DR Kongo, wohin kein Strafzettel jemals ankommen würde.

Am Nachmittag erreichen wir endlich Nairobi und werden in die quirligen Gassen von Ngara ausgespuckt. Auch hier fragen wir uns wieder, warum man den zentralen Busbahnhof ausgerechnet im Viertel mit den engsten Gassen unterbringt. Egal! Von der Unterkunft lassen wir uns kutschieren und wenig später holen wir dringend benötigten Schlaf in einem gemütlichen, frisch bezogenem Bett nach.

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