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Zur Kultur und Geschichte Ruandas

In Kigali, der Hauptstadt Ruandas, sowie in Nyanza und Huye besuchen wir eine Reihe staatlicher Museen um uns zur Kultur und Geschichte Ruandas zu bilden.

Geschichte vor der Kolonisierung

Über die frühe Geschichte und Kultur konnten wir im Kandt-Haus, im alten Königspalast und im ethnographischen Museum viele Interessante Fakten erfahren und Ausstellungsgegenstände betrachten. Da in Innenbereichen das Fotografieren zumeist nicht gestattet war, gibt es im ganzen Beitrag wenige Bilder.

Das Königreich Ruanda lässt sich bis ins 15. Jahrhundert zurückdatieren. Die Herrschaft wurde von einer Tutsi-Elite ausgeübt, der Großteil der Bevölkerung waren Bauern und gehörten zur Gruppe der Hutu. Die Grenzen waren aber nicht scharf gezogen und die Zugehörigkeit war auch eher sozioökonomisch als ethnisch definiert. Es gab durchaus Mobilität zwischen diesen Gruppen, sprich: man konnte mit genügend wirtschaftlichen Ressourcen vom Hutu zum Tutsi aufsteigen. Man könnte das auch stark vereinfacht mit Adeligen und Bauern gleich setzen.

Recht wurde anhand mündlich überlieferter Gesetze gesprochen. Die Lehre und Weiterentwicklung dieser Gesetze wurde von einer eigenen Bevölkerungsgruppe übernommen, die sich um nichts anderes kümmerte.

Replika das alten Königspalastes

Die Nahrungsaufnahme geschah in erster Linie durch Flüssigkeiten. Tagsüber gab es Kuhmilch, abends Bananenbier. Andere Nahrung wurde quasi „heimlich“ zu sich genommen und nach zwei sozialen Geschlechtern getrennt; es galt als unschicklich, von anderen beim Essen gesehen zu werden. Selbst heute gestaltet es sich in manchen Familien als kompliziert, ein gemeinsames Essen mit älteren Verwandten durchzuführen.

Königliche Kühe

Das Königreich schlug mehrere europäische „Entdecker“ in die Schlucht, bevor es während einer Sukzessionskrise 1894 Teil von Deutsch-Ostafrika wurde. Von den deutschen Beamten und Missionaren wurde der christliche Glaube, das irrige theoretische Konzept menschlicher Rassen sowie strenge körperliche Strafen eingeführt.

Dem letzten unabhängigen König Ruandas wurde von einer weisen Frau eine Prophezeiung offenbart: wenn die Fremden nicht mehr abgewehrt können und das Land betreten, wird es schlecht für Ruanda werden. Außerdem würden die letzten drei Könige im Ausland sterben. Beides ist tatsächlich eingetroffen: die Kolonisierung durch Deutschland und Belgien war für die meisten Bewohner eher nicht von Vorteil und der letzte König, der bis 1961 im Amt war, starb 2016 in den USA.

Recht und Gerechtigkeit

Im vorkolonialen Ruanda gab es das Konzept des „Gacaca“ („niedriges Gras“). Dabei werden Dispute diskutiert, die Opponenten sitzen dabei auf dem Gras, reden offen miteinander und finden einen Kompromiss. Für bestimmte Vergehen gab es zwar auch die Todesstrafe, aber das versuchte man zu vermeiden. Dieser konnte man allerdings entgehen, indem man zum Königspalast wanderte, eine der Wachen im Ringkampf besiegte und es schaffte, die Schwelle zum inneren Bereich zu berühren. Ansonsten bekam man noch genug Zeit, um sich von seinen Verwandten zu verabschieden, bevor erwartet wurde, dass sich der verhängten Strafe gestellt wird.

Nach dem Genozid im Sommer 1994 wurde dieses Prinzip im Rahmen der Gacaca-Courts wieder belebt. Viele der Genozidiäre (so werden die Täter genannt) flüchteten in die Demokratische Republik Kongo (DRC) und sind dort noch immer. Viele blieben aber auch im völlig verwüsteten Land. Es wurde eine beispiellose Form der Versöhnung und Aussprache gefunden. Menschen, die die Taten zugaben und ehrlich bereuten, konnten ihre Haftstrafe durch gemeinnützige Arbeit wie den Bau von Straßen oder die Reparatur der abgebrannten Häuser reduzieren. Das half Hinterbliebenen zum Beispiel, die Leichen ihrer Angehörigen zu finden und sie würdevoll zu bestatten. Überall im Land finden sich die Genocide Memorials mit Massengräbern und Ausstellungen zu den jeweiligen Vorkommnissen.

Genozid von 1994

Über diese grausamen Geschehnisse haben wir am Kigali Genocide Memorial sowie dem Campaign Against Genocide Museum sehr viel lernen können.

Kigali Genocide Memorial

Ersteres ist der zentrale Gedenkort, an dem auch mehr als 250.000 Menschen beerdigt sind. Es wird die gesamte Vorgeschichte, die Planung, Durchführung und Aufarbeitung des Genozids in einer ausführlichen Ausstellung behandelt. Ein weiterer Bereich nimmt eine geschichtliche Einordnung vor und beschreibt andere Genozide und wie es zu jenen kam (unter anderem die Shoah in Europa und den Massenmord der Roten Khmer in Kambodscha).

Gebäudefassade mit Einschusslöchern im Campaign Against Genocide Museum

Zweiteres ist eine Ausstellung im ruandischen Parlamentsgebäude mit einigen Denkmälern im Außenbereich. An jener Stelle waren nach gescheiterten Verhandlungen im ruandischen Bürgerkrieg eine Gruppe von Exilpolitikern der RPF sowie zu deren Schutz mitgereiste 600 Infanteriesoldaten der RPA zugegen, als der geplante Genozid begann. Sie konnten sich dort nicht nur verschanzen, sondern in zunächst begrenztem Maß in das Geschehen eingreifen, sehr viele Menschen vor dem Tod bewahren und bildeten bald die Speerspitze einer großen militärischen Operation, die den Genozid schließlich beendete und das Land befriedete.

Ausstellungstafel im Campaign Against Genocide Museum

Ich hatte mich vor der Reise nicht extra mit diesem Thema beschäftigt. Ich hatte noch aus den Nachrichten damals in Erinnerung, dass Tutsis von Hutus ermordet worden und vor einigen Jahren einen Zeitungsartikel zu den Geschehnissen gelesen.

Was ich nach den Besuchen bemerkenswert fand, sind die folgenden Dinge:

Die Bezeichnungen Tutsi und Hutu sind zwar schon sehr alt, aber wie oben bereits erwähnt eher keine ethnischen Gruppierungen. Zu Zeit der belgischen Kolonialzeit, die bis 1961 dauerte, wurden einfach alle mit mehr als 10 Kühen als Tutsi, alle mit weniger als 10 Kühen als Hutu und alle ohne Kühe als Twa eingeordnet. Diese Einordnung wurde auch in Passdokumenten eingetragen. Die ersten Massenmorde an Tutsis gab es bereits 1959 mit Billigung der belgischen Regierung, was zu einer Massenflucht und einer großen Exilbevölkerung in Uganda führte. Der Bürgerkrieg ab 1990 drehte sich unter anderen um die Rückkehr dieser Flüchtlinge. Als die obigen Verhandlungen stattfanden, wurde bereits seit mehreren Jahren der Genozid geplant. Es wurden circa 30.000 Milizionäre im Massenmord ausgebildet. Im Radio wurde die Entmenschlichung der Tutsi propagiert. Es wurden Listen mit gemäßigten Hutu-Politikern angelegt. Es wurde Kriegsgerät und tonnenweise Macheten importiert. Das war keinesfalls ein spontanes aufbegehren einer unterdrückten Mehrheit, als dass es mir in den Beschreibungen in Erinnerung blieb, sondern ein detailliert geplanter Massenmord. Zynischerweise wurde zur Initialzündung der ebenfalls in die Planungen eingeweihte Präsident Habyarimana in seiner Maschine beim Anflug auf Kigali von Boden-Luft-Raketen abgeschossen.

Statue im Campaign Against Genocide Museum

Westliche Regierungen und im Land stationierte UN-Blauhelme griffen nicht in den Genozid ein, obwohl es eindeutige Warnungen im Vorfeld gab. Evakuierungen gab es nur für im Land lebende Westler, ihre oft dem Tod geweihten Angestellten mussten zurück bleiben. Auch die damalige Bundesregierung versuchte das Thema möglichst zu ignorieren und auszusitzen, obwohl Deutschland zu diesem Zeitpunkt der größte Geldgeber in der Entwicklungszusammenarbeit mit der Regierung war.

Wer nun mehr über diese komplexen Themen lesen mag kann den Links im Text folgen. Zu Bedenken gilt es auch, dass die Ausstellungen klar eine Darstellung aus Sicht der Sieger sind.